Tim Seidel

gastronom // rialto & the mad hatter

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Tim ist ein guter Gastgeber und er schafft es immer wieder, viele interessante Menschen an einem seiner Orte zu vereinen und in Feierlaune zu bringen. Viele seiner Parties sind legendär und auch an seinem Tisch zu Hause sitzen immer wieder Menschen zusammen, trinkend, rauchend, diskutierend, über die Kunst, das Leben, die Leidenschaft oder das, was einem umtreibt.

 

Tim polarisiert, er sagt was er denkt, er hat ein dickes Fell und hält es aus, auch mal nicht zu gefallen. Es mag das Séparée, steht lieber hinterm DJ-Pult als auf der Bühne und er gefällt sich sehr in der Rolle des „Anstifters“.

Abzutauchen und sich mit ihm und seiner „guten Gesellschaft“ treiben zu lassen, macht Spaß, ist aber sicher nichts für alle Tage.  Deswegen sind es dann auch besondere Abende, an die man sich nicht nur gerne und lange erinnern mag — ich habe dadurch auch wunderbare Menschen kennen gelernt. THX for it — tendaysaweek.


cris // Glaube — Liebe — Hoffnung, was verbindet dich mit deiner Arbeit?

tim // Es begann wohl mit Glaube und Hoffnung — die Liebe habe ich dabei erst lieben lernen müssen. Ich habe lange anders funktioniert, war eher pragmatisch und habe mich daran orientiert, wie die Miete finanziert wird. Erst durch meine Arbeit im Nil wurde mir gezeigt, wie ein Job auch anders funktioniert; wie man es schafft, strategisch besondere Momente zu inszenieren, die einem selbst und natürlich den Gästen Freude bereiten. Es war für mich eine völlig andere Herangehensweise. Ich lernte, dass es unglaublichen Spaß macht, seinen Gästen „eine ewige Weihnacht“ zu bauen — selbst an einem Sommerabend.
Ich habe davor in der Werbung gearbeitet, dort verfolgt man flüchtige und scheinbar unglaublich wichtige Bilder vom Leben, die einen schon nach kürzester Zeit selbst langweilen.
Die Idee, als kleiner Mann Menschen aus den unterschiedlichsten Metiers kennenzulernen und sie dafür zu „begeistern“ zu verweilen und gerne wiederzukommen, war ein völlig neuer Gedanke und begeistert mich noch heute.

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cris // 14. Jahre Gastronomie — was sagst du dazu? Wie konnte es so weit kommen?

tim // Das ist in jedem Fall (zu) viel und es gibt wenige Gastronomen in Hamburg, die so lange mit dabei sind. Das mag daran liegen, dass ich zum einen eine absolute Kämpfernatur bin und zudem sehr bemüht bin, hier den Status quo zu halten. Ich habe viele Gastronomen kommen und gehen sehen, weil sie vielleicht einen tollen Raum hatten, aber vergessen haben, an allen Rädern die das Uhrwerk in Bewegung halten zu drehen. Sind die Servietten gefaltet, ist der Wein temperiert, stimmt der Raum, sind die Leute gut gelaunt, der Teufel steckt wie so oft im Detail und nicht nur für einen Tag, sondern für jeden — wenn du irgendwann damit aufhörst, dich zu kümmern, dann hört dein Laden auf. Wenn man das über einen längeren Zeitraum schafft, kann man einigermaßen Stolz auf sich sein.

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cris // Mit dreißig seine Karriere in der Gastronomie starten klingt nach Neustart — gab es eine Initialzündung?

tim // Die Übernahme vom Rialto war nicht eine Vision, die ich spontan hatte, sie war vielmehr ein Resultat — eine Art Notwendigkeit, die sich aufgrund meiner Entscheidungen im Leben und meines Charakters ergeben haben

Ich habe mich vorher in der Werbung versucht— bin aber der festen Überzeugung, dass ich dafür zu schlecht war. Schon immer habe ich gerne Dinge, Projekte, auch im Kunstkontext organisiert, aber lange Zeit musste ich, um meine Miete bezahlen zu können, auch kellnern oder an der Bar arbeiten. 2003 wurde mir nach diversen glücklichen und -lösen Intermezzi die Restaurantleiter-Position im Vorgänger meines heutigen Rialto anvertraut und ich habe, wenn auch mit ein wenig Fracksausen, diese Herausforderung angenommen und – nachdem ich einige Zeit gegen Beratungsresistenz angekämpft hatte – im Jahr 2004 den Laden ganz übernommen.

Ich bin jemand, der gut ins kalte Becken springen kann — denn erfahrungsgemäß wird das Wasser um mich herum sehr schnell warm. (gefällt mir dieses Bild 😉 Es geht doch einzig und allein nur darum, eine strategische Herausforderung auch anzunehmen. Sicher könnte ich nicht am OP-Tisch operieren, aber ich vertraue meiner Gabe, gut zu organisieren und die richtigen Leute dafür zu finden. Dazu kommt, dass ich mich als Person nicht gerne in den Vordergrund spiele. Ich mag lieber Talente finden, um sie dann machen zu lassen und diesem Ideal komme ich immer näher. Ich bin sicher kein kompatibler Mensch. Ich kann mich nur bedingt unterordnen und das ist auch der Grund dafür, warum ich lieber selbstständig bin. Mir ist sehr bewusst, dass ich hier eine dankbare Situation habe, die nicht nur durch mich alleine oder meine Anwesenheit funktioniert, sondern ob der Tatsache, dass dieses Haus an einem exponierten Ort, der Fleetinsel, liegt. An dem kann man sich ausprobieren, auch etwas wagen und ich habe innerhalb dieser 14 Jahre versucht, diesen Laden zu homogenisieren. Ich weiß, mein Rialto ist ein Laden, der polarisiert und den nicht alle mögen, aber mir ist es nicht so wichtig, viel Geld damit zu verdienen. Ich möchte vielmehr in einen Raum leben und arbeiten, den ich gerne habe. Das funktioniert aber nur, wenn man die Leute raushält, die es einem schwer machen. Dass damit nicht jeder klarkommt, halte ich aus.

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cris //  Du bist Betreiber des Rialto und des The Mad Hatter, mischst mit und dich ein, im Hamburg-Kulturleben, zeitweise gab es auch noch eine kleine Galerie und die Weltbühne, die du mit betrieben hast. Ein Tausendsassa! Wann hat Tim Seidel eigentlich mal die Schnauze voll?

tim // Das ist sehr schwierig, darauf zu antworten, denn es gibt sicher auch Phasen, da fällt es einem schwer. Ich bewundere Menschen, die in sich wohnen und eine innere Ruhe haben… aber ich bin das nicht.

Zu meinem Glück oder Leid merke ich immer noch, dass ich noch nicht fertig bin — es gibt noch so viele Bilder in meinen Kopf, die auf Vollendung warten.

 

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cris // „Zu Tisch im Salon“ — sechzehn Plätze, drei Gänge für eine gute Flasche Wein und ein kleines Zubrot — Hinterzimmer-Tisch-Kultur im The Mad Hatter. Wie bist du auf diese Idee gekommen?

tim // Als wir den Laden ausgebaut hatten und es darum ging, was wir aus dem „alten Raucherraum“ machen wollen, gab es mehrere Aspekte. Zum einen kam mir Szenen aus „To Have and Have Not“ mit Humphrey Bogart in den Sinn. Diese Treffen im Hinterzimmer, wo man Dinge bespricht oder regelt — so einen Raum wollte ich haben. Ein anderer Aspekt war: Ich war schon immer ein großer Fan der Salonkultur.

Inspiriert wurde ich sicher auch durch eine Einladung zu einem Soupé in Nizza. Das Essen war dabei nicht wirklich das Thema. Der Gedanke von Amard, dem Gastgeber, dass sich noch fremde Menschen egal woher aus der Welt an einem Tisch treffen, gefiel mir sehr. Ich habe im „The Mad Hatter“ den Wunsch, eine Form von „geheimer Zusammenkunft“ im Hinterzimmer zu initiieren. Einen Raum zu schaffen, in dem alles kann — nichts muss. Wenn dann noch Menschen gleichen Geistes eingeladen sind, werden sie erfahrungsgemäß sehr schnell warm miteinander. Das ist etwas, was mich wirklich beseelt. Durch diese Intimität fangen Menschen an sehr echt und ehrlich zu sein. Ich bin ein Mensch des Séparée, ich mag nicht das laute aufdringliche »Sehen und Gesehen werden «. Ich mag das Kleine, das Reden und das Unangebrachte.

Wenn es eine Qualität gibt, die ich mir zuschreiben kann und auch möchte, dann ist das die Organisation einer guten Zusammenkunft.

Ich bin gerne Initiator, ein Brandstifter im Geiste und ich liebe es, mich dann, wenn es brennt, zurückzunehmen und es zu beobachten.

 

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cris // Mit Freunden am Tisch sitzen, eine gute Zeit verbringen, dem Leben frönen und das Gemeinsame genießen zelebrierst du. Bist du ein maßloser Mensch?

tim // Ich bin, wenn ich mit mir alleine bin, selten maßlos. Ich rauche tagsüber nicht oder mache mir alleine auch selten eine Flasche Wein auf — es sei denn ich koche Risotto ;-). mit den richtigen Menschen an meiner Seite und wenn alle das Gleiche wollen, bin ich gerne maßlos und gebe mich dem Sog hin. Ich habe mal versucht, wie Charles Bukowski über meinen Schmerz Whisky zu trinken, aber alleine saufen macht keine Freude. Ich trinke lieber mit Freunden — die gute Gruppe ist wie die gute Suppe.

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cris // Eine gute Eigenschaft von dir?

tim // Ich halte mich für einen gütigen Menschen.

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cris // Eine schlechte Eigenschaft von dir?

tim // Ich habe Angst vor Menschen und ich brauche sehr lange, um mit ihnen warm zu werden.

Menschen, denen es leichtfällt, schnell auf andere zuzugehen, finde ich bewundernswert, aber ich bin das nicht. Ich bin erstmal negativ und verstecke mich hinter Zynismus und Sarkasmus.

Nach Schiller und Goethe fing meine literarische Reise genau da an und ich habe wohl zu viel Camus oder Houellebecq gelesen. „Der Fremde“, „Die Ausweitung der Kampfzone“ sind Bücher, mit denen ich mich sozialisiert habe. Von außen betrachtet würde ich sagen, es gibt Menschen, die mich als „narzisstisch geprägt“ sehen würden.

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cris // Nicht für alles Geld der Welt — oder wo hört bei dir der Spaß auf?

tim // Bei Lüge und Täuschung — vor allem Menschen, die etwas ganz anderes sagen als sie meinen. „Der Geist, der stets verneint!“ (Mephisto)

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cris // Wer waren die Helden deiner Kindheit?

tim // Jacques Tati, Jean Gabin, David Niven, der rosarote Panther. Ich mochte immer schon die Filous, Schmuggler und Einbrecher— Figuren aus alten Filmen mit schicken Autos. Und nicht zu vergessen Cary Grant in „Über den Dächern von Nizza“, habe ich geliebt.

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cris // Du zitierst oft aus Filmen oder der Literatur — In welchem Film oder Stück würdest du gerne eine Rolle spielen?

tim // In „Der talentierte Mr. Ripley“— ich finde zwar Alain Delon in der Figur besser, aber das Remake ist schon großartig.

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cris // Kinder, Familie, ein Hund im Vorgarten und frischer Apfelkuchen bei der Großmama — für dich eher Traum oder Albtraum?

tim // Ich sage dazu: K3// Kirche, Kinder, Kombi. Es gibt Freunde von mir, die haben das in ihrem Leben erreicht. Ich wollte das immer, aber dieses Vorhaben wurde durch Umstände umgeworfen. Sicher brauche ich keinen Trauschein, keine Konventionen — denn wenn ich etwas gelernt habe: Ein Leben lang, das gibt es nicht — denn morgen schon kann man alles verlieren.

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cris // Ein Gedanke an die Zukunft?

tim // Eine Welt ohne Benzinautos, in der ich der einzige wäre, der ein Benzinauto hat.

Ich bin Monarchist und der Meinung, Demokratie ist Mist. Spätestens nach der letzten Wahl wird einem doch klar, es ergibt keinen Sinn, den Pöbel zur Wahl zu bitten.

Mein Gedanke also an die Zukunft:
Ich denke das Beste wäre, es gäbe einen gütigen König.

 

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cris // Ein Abendessen bei dir, was würdest du für uns kochen?

tim // Am besten ein Risotto — dann habe ich beim Kochen genug Zeit für meine Gäste.

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cris // Was ist in deinem Kühlschrank?

tim // Zu viel Bier und die eine Flasche Champagner, die immer da ist. Ich bin lustiger Weise bei mir zu Hause eher asketisch, wenn ich etwas brauche gehe ich einkaufen.

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cris // Das größte Glück auf Erden ist…?

tim // Alleine auf dem Ozean mit einer Wally B. zu segeln.

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cris // Hamburg meine Perle — was verbindet dich mit dieser Stadt?

tim // Es gibt in Deutschland sicher keinen besseren Ort, aber im Großen und Ganzen ist es mir hier zu kalt. Wenn ich die Sprache besser könnte, wäre ich sicher eher in Venedig oder Sizilien. Das Wetter, die Küche, das Leben leben — das können die Italiener einfach besser. Was ich hier nur tun kann ist, so viel Geld zu verdienen, dass ich irgendwann abhauen kann. 😉

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cris // Wie geht es dir heute? (bei einer Skala von 1 bis 10)

tim // Hier bei dir gerade — 7

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cris // Zu guter Letzt: dein Lieblingszitat?

tim // Seht da bin ich,

froh dass ich da bin

– wer mich kennt

hat Glück.

(Grützke)

 

Thx Tim — tendaysaweek 😉


Quickreport:

1.süß oder salzig? 0 | +

2. morgens oder abends? 0 | +

3. mehr ist mehr oder weniger ist mehr? 0 | 0

4. lieber allein oder am liebsten mit vielen? + | 0

5. auto oder fahrrad? + | 0

6. sekt oder selters? + | 0

7. berge oder meer? 0 | +

8. electro oder pop? 0 | 0

9. bleistift oder kugelschreiber? + | 0

10. rom oder hongkong? + | +

11. wahrheit oder pflicht? + | 0

 

 

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